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Tobi aktualisiert.
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7. November 2025 um 20:09 Uhr #11264
TobiAdministratorDies stellt meine eigene, reflektierte Interpretation der weisen und erhellenden Unterweisung des Ehrwürdigen Ajahn Lee Dhammadharo dar, die mir Einsichten in die Natur von Geist, Anhaftung und Loslassen eröffnet…
Ich fragte mich, warum man wohl zum Meditieren in den Wald gehen sollte. Allein die Ruhe kann es nicht sein. Wart ihr schon einmal im Wald? Wie laut es dort sein kann, wenn die Vögel zwitschern oder andere Tiere Geräusche machen! Nur wegen wenig Lärm in den Wald zu gehen, das kann nicht der Grund sein.
Ich gehe von drei Faktoren aus:
1️⃣ Erstens erleichtert die Einsamkeit in der Praxis (paṭisallīna) die Selbstversorgung durch Nahrung und die Kultivierung von Achtsamkeit (sati), wodurch Körper und Geist unabhängig und stabil werden.
2️⃣ Zweitens wirkt die Abgeschiedenheit beruhigend auf das Bewusstseinsfeld (viññāṇañcāyatana), reduziert Ablenkungen und fördert die Sammlung (samādhi) sowie die Einsicht (vipassanā).
3️⃣ Drittens entsteht durch die harmonische Koexistenz mit der Natur ein Schutz vor Witterungseinflüssen, und die Achtung vor den spirituellen Kräften in den Pflanzen (devatā-saṅga) schafft ein unterstützendes Feld, das sowohl Mitgefühl (karuṇā) als auch Weisheit (paññā) nährt.“
Diese Praxis wird in mehreren Suttas beschrieben, wie etwa im Satipaṭṭhāna Sutta (MN 10 / DN 22), im Ānāpānasati Sutta (MN 118) oder im Cūḷahatthipadopama Sutta (MN 27) usw..
Der Buddha erklärt darin, wie ein Mönch, der ernsthaft den Weg übt, leben sollte:
Pāli:
“So abhikkantaṁ abhikkantaṁ paṭisallīno hoti araññe vā rukkhamūle vā suññāgāre vā.”Übersetzung:
„Er zieht sich zurück,
in den Wald, an den Fuß eines Baumes oder in eine leere Hütte,
und verweilt dort in Abgeschiedenheit.“🪶 Kommentar:
Das Wort paṭisallīna bedeutet „zurückgezogen, gesammelt, in Meditation verweilend“.
Dies war die typische Lebensweise der frühen Bhikkhus.Ich denke, diese Praxis beruht darauf, dass das Bewusstseinsfeld – Viññāṇaccaya, trotz seiner transzendenten Eigenschaft, doch etwas Feldartiges bildet, da es ja an die Materie gebunden ist. Menschen, die in Städten leben, erzeugen dadurch mehr Bedingtheiten (paṭicca, paccaya), die sich nicht nur offensichtlich durch rūpa (Formen) zeigen, sondern sich auch als Cluster im Bewusstsein bilden und es unbemerkt aufwühlen. Tiere scheinen diesem Einfluss nicht zu unterliegen. Wahrscheinlich haben sie deshalb vom Buddha auch ein eigenes Loka zugewiesen bekommen: Mensch (5) und Tier (2). Aber das sind nur Vermutungen.
Ajahn Lee Dhammadharo beschreibt die Vertiefung der Meditation in der Waldtradition aus meiner Sicht als ein Loslassen, und das ist richtig. Auch in den Suttas wird beschrieben, dass am Ende alles losgelassen werden muss, sogar der Dhamma selbst.
📜 Majjhima Nikāya 22 – Alagaddūpama Sutta (Das Gleichnis vom Floß)
Pāli:
Seyyathāpi, bhikkhave, puriso addhānamaggappaṭipanno.Übersetzung:
„So, ihr Mönche, wie wenn ein Mensch auf einer langen Reise unterwegs wäre.“Pāli:
So passeyya mahantaṁ udakaṁ pārimaṁ tīraṁ, orimaṁ tīraṁ bhayaṁ ādīnavaṁ saṅkiṭṭhaṁ, pārimaṁ tīraṁ khemaṁ appaṭisaṅkhayaṁ anupaddavaṁ.Übersetzung:
„Er sähe einen großen Fluss: dieses Ufer ist gefährlich und voller Gefahren, das jenseitige Ufer aber sicher, friedvoll und ohne Bedrohung.“Pāli:
So cintayeyya: ‘Ayaṁ kho mahantaṁ udakaṁ, pārimaṁ tīraṁ khemaṁ appaṭisaṅkhayaṁ anupaddavaṁ. Na ca mayhaṁ nāvā vā kullaṁ vā atthi, yena ahaṁ imaṁ udakaṁ tareyyaṁ.’Übersetzung:
„Da denkt er: ‚Dieser Strom ist groß, und das ferne Ufer ist sicher und friedvoll, doch ich habe kein Boot und kein Floß, um ihn zu überqueren.‘“Pāli:
Yannūnāhaṁ tiṇakaṭṭhasākhāpalāsaṁ saṅkaḍḍhitvā kullaṁ kareyyaṁ, tena kulleṇa hatthapādehi vāyamanto imaṁ udakaṁ tareyyaṁ.’Übersetzung:
„Was wäre, wenn ich Gras, Zweige, Äste und Blätter sammle, mir daraus ein Floß baue und mich, mit Händen und Füßen abmühend, damit über das Wasser bringe?“Pāli:
Tareyyaṁ kho panāhaṁ imaṁ udakaṁ, bhikkhave, so puriso tiṇakaṭṭhasākhāpalāsaṁ saṅkaḍḍhitvā kullaṁ kareyyaṁ, tena kulleṇa hatthapādehi vāyamanto imaṁ udakaṁ tareyyaṁ.Übersetzung:
„So, ihr Mönche, dieser Mensch sammelt Gras, Zweige, Äste und Blätter, baut daraus ein Floß, und indem er sich mit Händen und Füßen abmüht, überquert er den Fluss.“Pāli:
Tassa so pārimaṁ tīraṁ oruyha cintayeyya: ‘Bahukiccaṁ me idaṁ kullaṁ, yena ahaṁ iminā kullenā imaṁ udakaṁ āgacchāmi.’Übersetzung:
„Nachdem er das ferne Ufer erreicht hat, denkt er: ‚Dieses Floß war mir sehr nützlich, denn durch dieses Floß kam ich sicher hierher.‘“Pāli:
Yannūnāhaṁ imaṁ kullaṁ sīse vā aropetvā gaccheyyaṁ, vā aṅke vā ādāya gaccheyyaṁ, vā yathā vā tathā vā anudhāveyyaṁ.’Übersetzung:
„Was, wenn ich dieses Floß nun auf meinen Kopf hebe oder auf meine Schultern nehme und es mit mir herumtrage, wohin ich auch gehe?“Pāli:
Taṁ kiṁ maññatha, bhikkhave — api nu so puriso evaṁ kareyya?” — “No hetaṁ, bhante.”Übersetzung:
„Was meint ihr, Mönche – würde dieser Mensch so handeln?“
„Nein, Ehrwürdiger Herr“, antworteten sie.Pāli:
“Evameva kho, bhikkhave, Dhammo upamāya desito, kulla-upamāya. Paṭipannā, bhikkhave, imaṁ Dhammaṁ nissāya, nissāya pariyosānaṁ gacchanti, no ca Dhammaṁ abhinivisanti.”Übersetzung:
„Ebenso, ihr Mönche, habe ich den Dhamma durch dieses Gleichnis gelehrt – das Gleichnis vom Floß. Wer den Weg geht, stützt sich auf den Dhamma, verwendet ihn, um das Ziel zu erreichen, aber er hält nicht am Dhamma fest.“Pāli:
“Dhammañ-ca vo, bhikkhave, desessāmi, ādāya no ca gahetabbaṁ; ādāya no ca gahetabbaṁ ti vadāmi, ko pana vādo adhammassa.”Übersetzung:
„Ich lehre euch, ihr Mönche, den Dhamma, der aufgenommen, aber nicht festgehalten werden soll. Ich sage: ‚Man soll ihn aufnehmen, aber nicht an ihm haften‘ – wie viel weniger noch sollte man an Un-Dhamma festhalten.“🪶 Kernbotschaft:
Der Buddha sagt hier:
„Dhammo nissāya nissāya pariyosānaṁ gacchanti — no ca Dhammaṁ abhinivisanti.“
→ „Man stützt sich auf den Dhamma, um das Ziel zu erreichen, aber man haftet nicht an ihm.“Das ist der höchste Ausdruck von Vossagga – dem völligen Loslassen:
- Loslassen von Besitz
- Loslassen von Körper und Geist
- Loslassen von Wissen und Meinung
- Und schließlich: Loslassen sogar des Dhamma selbst
Obwohl dies an sich keinen Verlust bedeutet, betont Ajahn Lee, dass wir, um die Transzendenz wahrzunehmen bzw. in ihr einzutauchen und daraus Wissen zu generieren, uns von unseren Vorstellungen trennen müssen. Dies beginnt bei der Beobachtung der Atmung und der Betrachtung der Gefühle (vedanā). Hier bedeutet vedanā ‚Gefühle‘.
Vedanā trägt jedoch zwei Bedeutungen: Erstens die emotionalen Empfindungen, zweitens das weltliche Wissen der damaligen Zeit, das als Veda bezeichnet wurde – in diesem Kontext also das ‚Ablegen des Veda‘ (Veda-na).
Das bedeutet: die irdischen Konzepte nicht aufkommen zu lassen. Was du weißt, lasse es los. Zu dieser Zeit war das Wissen über die Welt begrenzt; es basierte auf den vedischen Konzepten (Veda -Na), was den Übergang zu (San -Na) erklärt.
Die Veden sind zweifellos von großem Wert – sie bilden eine Art vierfachen Pfad des Wissens und können als der ältere Bruder des Buddhismus betrachtet werden. Trotz ihrer unterschiedlichen Konzepte tragen sie dazu bei, den Weg des menschlichen Lebens weise zu gestalten und zu kultivieren. Doch in der Praxis des Dhamma können sie zugleich ein subtiles Hindernis darstellen, wenn man an ihrem begrifflichen Wissen haftet. Denn wahre Befreiung (Nibbāna) entspringt nicht dem Studium, sondern dem Loslassen – dem direkten Erkennen jenseits von Schrift und Vorstellung.
Daher solltest du das Wissen über die buddhistischen Konzepte im Hinterkopf behalten, während du meditierst – alles, was du weißt, nimm es wahr und lasse es los. Lass nicht den Eindruck entstehen, du wüsstest alles.
Dies erfordert viel Übung: das Praktizieren des zwei-stufigen Achtfachen Pfades und die Kultivierung der vier Satipaṭṭhāna, die einen geistigen Raum erschaffen, der sich für transzendentes Wissen öffnet.
Wenn du loslassen kannst, dann kann der Geist (Entity Mind) die Transzendenz erreichen. Und sollte es dir gelingen, bist du frei von Anhaftungen – das ist der erste Schritt.
Denn alles in der Welt hat seine Wahrheit bzw. seine zwei Wahrheiten. Alles ist wahr, selbst Dinge, die nicht wahr sind, haben ihre Wahrheit: dass sie falsch sind. Sie sind die Konzepte des Weltlichen, Veda- und San-Lehren.
Sobald wir die konventionelle Wahrheit erkannt und losgelassen haben, finden wir Ruhe und Frieden.
Der Buddha ließ nur die konventionellen Wahrheiten der Dinglichkeit (saṅkhata) los, die in seinem Körper und Geist erschienen waren. Wir sollten es ihm gleichtun und die Wahrnehmung durch die fünf Aggregate (Paṅcakkhandha) verstehen, die wertlos und vergänglich (anicca) sind und zu geistigem Stress (dukkha) führen.Mit immer tieferer Einsicht erkennt man (anatta) die Essenzlosigkeit der Natur und die Selbstlosigkeit des Geistes – vorausgesetzt, man hat genügend Wissen über den Achtfachen Pfad.
Dieser Prozess zeigt, wie die fünf angeeigneten Aggregate (paṅcupādānakkhandha) zwischen Körper und Geist oszillieren und dabei das gesamte All (Saḷāyatana) erschaffen:
1️⃣ Cakkhu-āyatana – das Auge (Sehen)
Pāli: cakkhu
Objekt: rūpa (Form)
Bewusstsein: cakkhu-viññāṇa
Cakkhuñca paṭicca rūpe ca uppajjati cakkhu-viññāṇaṁ. – SN 35.93
Kommentar: Sehen entsteht durch Zusammenspiel von Sinnesorgan, Objekt und Bewusstsein.2️⃣ Sota-āyatana – das Ohr (Hören)
Pāli: sota
Objekt: sadda
Bewusstsein: sota-viññāṇa
Sotañca paṭicca sadde ca uppajjati sota-viññāṇaṁ. – SN 35.933️⃣ Ghāna-āyatana – die Nase (Riechen)
Pāli: ghāna
Objekt: gandha
Bewusstsein: ghāna-viññāṇa
Ghānañca paṭicca gandhe ca uppajjati ghāna-viññāṇaṁ. – SN 35.934️⃣ Jivhā-āyatana – die Zunge (Schmecken)
Pāli: jivhā
Objekt: rasa
Bewusstsein: jivhā-viññāṇa
Jivhañca paṭicca rase ca uppajjati jivhā-viññāṇaṁ. – SN 35.935️⃣ Kāya-āyatana – der Körper (Fühlen / Tastsinn)
Pāli: kāya
Objekt: phoṭṭhabba
Bewusstsein: kāya-viññāṇa
Kāyañca paṭicca phoṭṭhabbe ca uppajjati kāya-viññāṇaṁ. – SN 35.936️⃣ Mano-āyatana – der Geist (Denken, Erinnern, Vorstellen)
Pāli: mano
Objekt: dhamma
Bewusstsein: mano-viññāṇa
Manañca paṭicca dhamme ca uppajjati mano-viññāṇaṁ. – SN 35.93Übersichtstabelle
Nr Sinnesbasis (āyatana) Organ (indriya) Objekt (ārammaṇa) Bewusstsein (viññāṇa) 1 cakkhu-āyatana Auge rūpa (Form) cakkhu-viññāṇa 2 sota-āyatana Ohr sadda (Klang) sota-viññāṇa 3 ghāna-āyatana Nase gandha (Geruch) ghāna-viññāṇa 4 jivhā-āyatana Zunge rasa (Geschmack) jivhā-viññāṇa 5 kāya-āyatana Körper phoṭṭhabba (Berührbares) kāya-viññāṇa 6 mano-āyatana Geist dhamma (Geistesobjekt) mano-viññāṇa Durch das Erkennen und bewusste Aussortieren – mittels Ānāpānasati und Vipassanā – dessen, was wertvoll und was nutzlos ist, kann Moha – die geistige Unwissenheit – überwunden werden. Diese Einsicht befreit den Geist, macht ihn transzendent und verhindert die Erzeugung von Kāma-Guna – den karmischen Bindungen, die alles miteinander verknüpfen und die Knoten von Rāga (Begierde) und Dosa (Abneigung) verstärken oder verdecken.
In diesem Prozess legt man nicht einfach etwas ab; vielmehr erlangt man die klare Erkenntnis der Dynamik der fünf aneignenden Aggregate, die als Paṅcupādānakkhandha bekannt sind. Diese Erkenntnis offenbart, wie Wahrnehmungen, Gefühle, Gedanken, Geistesformationen und Bewusstsein (rūpa, vedanā, saṅkhāra, viññāṇa, nāma) in einem selbst-erhaltenden Kreislauf miteinander verflochten sind.
Es ist daher von entscheidender Bedeutung, den Prozess der Entstehung von saññā – der Wahrnehmungs- und Deutungsbildung – innerhalb der fünf Aggregate genau zu verstehen. Nur so wird deutlich, wie sich das Phänomen der fünf angeeigneten Aggregate (Paṅcupādānakkhandha) formt, erhalten bleibt und durch Anhaftung (upādāna) als scheinbar eigenständiges „Ich“ oder „Selbst“ kāya erfahren wird.
Indem man die Mechanik dieses Prozesses erkennt, kann man die Illusion der Anhaftung durchschauen und die fünf angeeigneten Aggregate bewusst loslassen. Daraus entsteht ein Geist, der frei ist von den Fesseln der Konditionierung, transzendiert und in Klarheit und Weisheit (paññā) ruht…
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