Die vier Edlen Wahrheiten
Die Vier Edlen Wahrheiten und die Lehren des Buddha
Die fünf Asketen Koṇḍañña, Bhaddiya, Vappa, Mahānāma und Assaji wurden vom Buddha in den Mönchsorden aufgenommen. Nach ihrer Ordination kehrten sie in kurzer Zeit zum Bodhibaum zurück. Der Buddha lehrte das Dhamma auch unter dem heiligen Siri Maha Bodhi den drei Jatila-Brüdern – Nadee Kassapa, Gayaa Kassapa und Uruwel Kassapa –, die im Dorf Kassapa(Suji) lebten. Dieses Dorf existiert bis heute und grenzt an den Siri Maha Bodhi in Bodh Gaya, Indien.
Seine erste Lehrrede, das Dhammacakkappavattana-Sutta, verkündete der Buddha dort und offenbarte darin die Vier Edlen Wahrheiten – die grundlegende Realität allen Seins:
- Dies ist das Leiden (Dukkha).
- Dies ist die Ursache des Leidens (Samudaya).
- Dies ist das Ende des Leidens (Nirodha).
- Dies ist der Weg, der zur Beendigung des Leidens führt (Magga).
Die Erste Edle Wahrheit – Das Leiden (Dukkha)
Dukkha ist ein grundlegendes Merkmal dieser Welt und tritt in drei Formen auf:
- Dukkhadukkhatā – offensichtliches Leiden, wie Schmerz oder Kummer, als Kennzeichen (lakkhaṇa) dieser Welt.
- Saṅkhāradukkhatā – Leiden durch bedingte Phänomene (Saṅkhāra), die durch Sinneseindrücke (ārammaṇa) und darauf folgende Gedankenprozesse entstehen. Dazu zählen Mano-, Vaci- und Kāya-Saṅkhāra.
- Vipariṇāmadukkhatā – Leiden durch Veränderung (Vipariṇāma), da alles dem Wandel unterliegt. Sinnesfreuden entfernen uns vom reinen Geist (pabhassara citta) und führen zur Entfremdung von Nibbāna.
Diese drei Formen des Leidens sind miteinander verbunden. Im Dukkhatā Sutta (SN 45.165) erklärt der Buddha:
Es gibt, ihr Bhikkhus, drei Arten von Dukkha: Dukkhadukkhatā, Saṅkhāradukkhatā, Vipariṇāmadukkhatā. Um diese zu erkennen, vollständig zu verstehen, zu überwinden und aufzugeben, ist der Edle Achtfache Pfad zu entwickeln.
Die Zweite Edle Wahrheit – Die Entstehung des Leidens
Die Ursachen zukünftigen Leidens wurzeln im „Saṅ“ – der Tendenz zur Anhäufung, insbesondere durch das Streben nach Sinnesfreuden. Saṅkhāra verlängert den Kreislauf der Wiedergeburt. Dies entsteht durch:
- Rāga (Gier)
- Dosa (Hass)
- Moha (Verblendung) gilt gemäß Dhammapada Vers 243 als die „größte Unreinheit“ – schlimmer als Gier oder Hass, da es unheilsame Geisteszustände impliziert.
Diese beruhen auf der Nicht-Erkenntnis der drei Daseinsmerkmale (Tilakkhaṇa): Anicca, Dukkha und Anattā. Weil wir nicht erkennen, dass nichts dauerhaft befriedigend oder von bleibendem Wert ist, klammern wir uns an Vergängliches – das ist Dukkha. Da wir diese Bedingungen nicht kontrollieren können, sind wir letztlich hilflos – das ist Anattā.
Durch Idappaccayatā und Paṭicca Samuppāda (abhängiges Entstehen) entstehen kamma-bedingte Energien, die uns immer wieder in verschiedene Existenzen hineinführen – über die Stufen von Avijjā bis Jāti. Diese elf Glieder des Entstehens sollten tiefgehend verstanden werden.
Die elf Glieder im Moment (momentane Kette des Entstehens)
„Kernorganismus Geist“ (Mind-Entity)
- Avijjā – Unwissenheit (momentane Verblendung, Nicht-Wissen um das, was gerade ist)
- Saṅkhāra – Gestaltungen, karmisch-psychische Reaktionsimpulse
- Viññāṇa – Bewusstsein (momentanes Gewahrsein eines Objekts)
- Nāma-rūpa – Name-und-Form (geistige Funktionen + Körper)
- Saḷāyatana – sechs Sinnesbasen (Augen, Ohren, Nase, Zunge, Körper, Geist)
______„Kernorganismus Geist“ (Mind-Entity)______
6. Phassa – Kontakt (Zusammentreffen von Sinnesbasis + Objekt + Bewusstsein)
7. Vedanā – Gefühl (angenehm, unangenehm, neutral)
8. Taṇhā – Durst, Verlangen (Reaktion auf das Gefühl)
9. Upādāna – Ergreifen, Anhaften (Fixierung: „mein“, „ich“, „selbst“)
10. Bhava – Werden, Existenz-Modus (momentane Identitätsbildung: „so bin ich“)
11. Jāti – Geburt (das Aufscheinen einer neuen „Ich-Erfahrung“ im Augenblick)
Wenn ein Sinneseindruck den Geist berührt, etwa beim Sehen eines Bildes, vollzieht sich ein feiner Ablauf, der in jedem Augenblick die Struktur unseres Erlebens bestimmt. Zunächst tritt Kontakt (phassa) auf – das Zusammentreffen von Sinnesbasis, Objekt und Bewusstsein. Aus diesem Kontakt erhebt sich unmittelbar ein Gefühl (vedanā), das sich in angenehmer, unangenehmer oder neutraler Weise ausdrückt. Doch das Gefühl bleibt nicht für sich stehen: Fast unweigerlich regt sich daraus der Durst (taṇhā) – eine innere Tendenz, das Angenehme zu ergreifen oder das Unangenehme abzuwehren. In diesem Regungsfeld entsteht das Anhaften (upādāna), das den Moment fixiert und ihn mit einem Anspruch versieht: „Das will ich haben“ oder „Das soll verschwinden“.
Damit ist bereits ein Schritt weiter getan, denn aus dem Anhaften formt sich ein Werden (bhava), ein Modus des Seins, in dem sich der Geist als bestimmtes „Ich“ konstituiert, das in Relation zu dem wahrgenommenen Objekt steht. In diesem Prozess geschieht augenblicklich eine Geburt (jāti) – nicht im biologischen Sinn, sondern als Hervortreten einer Identität, die sich in diesem Moment definiert und behauptet.
Was hier sichtbar wird, ist das Prinzip des Idappaccayatā: „Dies seiend, entsteht jenes; dies nicht seiend, entsteht jenes nicht.“ Dieses Gesetz zeigt sich nicht nur in kosmischen Dimensionen von Geburt und Tod, sondern als Hier-und-Jetzt-Mechanismus im alltäglichen Vollzug von Erfahrung. Jeder Augenblick trägt den Keim einer neuen Welt, die aus Wahrnehmung, Reaktion und Identitätsbildung hervorgeht. In diesem Sinne ist Idappaccayatā untrennbar mit saññā (Wahrnehmung, Benennung, Wiedererkennen) verbunden: Denn ohne das Formen und Strukturieren der Erfahrung durch saññā könnte sich weder das Gefühl artikulieren noch das Anhaften Gestalt gewinnen. Saññā ist die Matrix, in der die Kette sichtbar wird, indem sie den Eindruck deutet und ihn als etwas Bestimmtes erscheinen lässt – und so den Rahmen bietet, in dem sich die gesamte Dynamik von Kontakt bis Identität entfalten kann.
Dabei ist zu bedenken, dass der erste Teil dieses Prozesses mit ungeheurer Geschwindigkeit abläuft und dem gewöhnlichen Bewusstsein meist entzogen bleibt. Er erscheint als eine automatische Reaktion auf ein ārammaṇa (Objekt der Erfahrung), die noch vor dem klaren Erkennen abläuft. So bildet sich in jedem Moment ein bhava, ein Werden, das – wenn es unbemerkt bleibt – zu einer stetigen Anhäufung und Verfestigung der Ich-Struktur (Gati) führen kann. In diesem Sinn gehört der Ablauf in den Bereich des paṭicca-samuppāda, verstanden nicht nur als kosmische Wiederverkörperung, sondern als Entstehen in jedem Augenblick, als ununterbrochene Wiedergeburt des Geistes in seinen eigenen Reaktionsmustern.
So offenbart sich, dass das abhängige Entstehen im Augenblick (IPS) nicht bloß ein psychologisches Modell ist, sondern ein fortwährendes Erschaffen und Vergehen von Welten – ein Fluss, in dem die Identität des „Ich“ unaufhörlich geboren wird, solange nicht durch Einsicht das Rad des Bedingten zum Stillstand gebracht wird.
Die Dritte Edle Wahrheit – Die Aufhebung des Leidens
Wenn wir Gati, Āsava, Anusaya und Samyojana – die mentalen Gewohnheiten und Fesseln – abbauen, verringern wir das „Saṅ“ und die daraus entstehenden unheilsamen Gedanken (Dasa Akusala). Mit der vollständigen Einsicht in Tilakkhaṇa beginnt der Wandel von Puñña-Kamma zu Kusala-Kamma – hin zur Erleuchtung (Arahantschaft).
Der Buddha sagte:
Dies, ihr Bhikkhus, ist die Edle Wahrheit der Beendigung des Leidens – die vollständige Aufhebung und das Loslassen von Taṇhā (Gier), ihre Entwurzelung, Loslösung und Befreiung.
Die Vierte Edle Wahrheit – Der Edle Achtfache Pfad
Der Weg zur Beendigung des Leidens ist der Edle Achtfache Pfad, bestehend aus:
- Rechte Ansicht
- Rechtes Denken
- Rechte Rede
- Rechtes Handeln
- Rechter Lebenserwerb
- Rechtes Bemühen
- Rechte Achtsamkeit
- Rechte Sammlung
Diese acht Glieder greifen ineinander wie Zahnräder eines Getriebes. Sie führen zur Arahantschaft und letztlich zum Parinibbāna – der endgültigen Loslösung von den vier Grundelementen (patavi, āpo, tejo, vāyo) und allen Daseinsformen.
Die konventionelle Wahrheit, die durch die sechs Sinne vermittelt wird, ist nicht die absolute Wahrheit. Sie ist eine Illusion, die nur ein Sammā Sambuddha durchbrechen kann. Die wahre Realität – die paramattha sacca – lässt sich nur durch den Edlen Achtfachen Pfad erfahren, der die geistige Konditionierung überwindet und zum Nibbānadhātu führt.
Die Gründung der Saṅgha
Die fünf Asketen wurden damit die ersten Mitglieder der buddhistischen Mönchsgemeinschaft (Saṅgha) und verbreiteten die Lehre von den Vier Edlen Wahrheiten – einer zeitlosen Wahrheit, die den Weg zur Befreiung weist.

Dhammacakkappavattana Sutta
Pali-Kanon: Samyutta Nikāya (SN), Teil des Sutta Piṭaka
Samyutta Nikāya 56.11
Mit der ersten Lehrrede des Buddha – dem Dhammacakkappavattana Sutta – beginnt nicht nur die Dhammadesanā, sondern auch eine geistige Wende im Samsāra. Am Esala-Punnamī, zwei Monate nach seiner Bodhi, verkündet der Buddha den fünf Pañcavaggiya die Essenz des Erwachens (Bodhiñāṇa). Diese Lehrrede ist kein bloßer Auftakt, sondern ein Dhamma-Manifest.
Das Dhamma-Cakka, das Rad der Wahrheit, steht für viriya (Kraft), pavatta (Bewegung) und grenzenlose Verwirklichung. Wie das Cakkavatti-Ratana, das Schatzrad des Universalherrschers, durchquert es Raum und Zeit – appavattita, unwiderruflich in Gang gesetzt.
Im Zentrum steht der Majjhimā Paṭipadā – der Mittlere Weg, jenseits von Kāmasukhallikānuyoga (Sinnesgier) und Attakilamathānuyoga (Selbstquälerei). Er führt über den Ariya Aṭṭhaṅgika Magga – rechte Sichtweise (sammā diṭṭhi) bis rechte Sammlung (sammāsamādhi) – zu vūpasama, sambodhi und Nibbāna.
Daraus entspringen die Cattāri Ariyasaccāni – die Vier Edlen Wahrheiten:
- Dukkha – das Leiden: Geburt, Altern, Krankheit, Tod, Trennung, Unerfülltheit.
- Samudaya – Ursache: das Taṇhā, das dürstende Verlangen.
- Nirodha – das Aufhören: virāga, cāga, mutti – das Verlöschen.
- Magga – der Pfad: der Weg zur Freiheit über Sīla, Samādhi, Paññā.
Diese Wahrheiten sind keine Theorien, sondern direkte Erfahrung: Cakkhu udapādi, Ñāṇa udapādi, Paññā udapādi, Vijjā udapādi, Āloko udapādi – Auge, Wissen, Weisheit, Erkenntnis und Licht gingen im Erwachten auf.
Das Dhammacakka rollt – nicht als Dogma, sondern als lebendiger Prozess des Erwachens (Bodhipakkhiyā Dhammā) – ein inneres Erwachen, jenseits von Glaube, jenseits von Festhalten – vimutti.
- Das Leiden (dukkha): das unausweichliche Kennzeichen aller bedingten Existenz – Geburt, Verfall, Trennung, Unerfülltheit.
- Die Ursache des Leidens: das Verlangen (tanhā) – ein blinder Drang nach Sinnlichkeit, Existenz oder Nicht-Sein.
- Die Aufhebung des Leidens: die Überwindung des Begehrens – Entsagung, innere Freiheit, Nicht-Anhaften.
- Der Weg zur Aufhebung: der Edle Achtfache Pfad – ein geistiger Schulungsweg zu Einsicht, Gelassenheit und Erwachen.
Diese Wahrheiten sind nicht bloße Konzepte, sondern lebendige Einsichten, die sich dem Buddha in einem Akt tiefster innerer Schau offenbarten – als Licht, Weisheit, Erkenntnis und Erwachen. Sie bilden die vollständige Vision einer Freiheit, die jenseits aller Konditionierungen liegt.
In philosophischer Tiefe bedeutet diese Lehrrede die Offenbarung eines neuen Weltverständnisses: Nicht durch Glaube, sondern durch Erkenntnis, nicht durch Dogma, sondern durch Erfahrung, nicht durch Weltflucht, sondern durch die Überwindung innerer Unwissenheit gelangt der Mensch zur Wahrheit.
So beginnt das Rad des Dhamma zu rollen – nicht als starres Dogma, sondern als lebendige Bewegung des Erwachens…☸️
Container 1 – Abschnitt 1
Container 2 – Abschnitt 1
Container 3 – Abschnitt 1
Container 4 – Abschnitt 1
✏️ Kein Thema vorhanden.
Noch kein Thema vorhanden
- Du musst angemeldet sein, um neue Themen zu erstellen.