Erkenne die Ichlosigkeit und gehe den Pfad zur Wahrheit dem Thatagatagarba
Der aus der Soheit (tathatā) Hervorgegangene“ – der Wahrhaftige, der den Pfad vollständig durchschritten hat und das Werden (bhava) in sich eingeschlossen trägt (garbha) – wird als Träger der Buddhanatur, des Tathāgatagarbha, bezeichnet. Diese Buddhanatur entfaltet sich, weil die Ichlosigkeit im Bewusstsein durch dessen selbsterkennende, mehrschichtige Wesensstruktur erkannt wird: Sie durchschaut sowohl die Individualität, die durch Anhaften (upādāna) entsteht, als auch die Allgemeinheit der khandhas, dhātus und āyatanas. Zwar sind die Aggregate und Daseinsbereiche in ihrer Struktur für alle Wesen gleich, doch werden sie aufgrund des mehrschichtigen Bewusstseins innerhalb eines umfassenden Bewusstseinsfeldes – gleichsam einem feinstofflichen „Äther“ – jeweils individuell gestaltet. Aus diesem Grund gibt es die fortschreitende Entwicklung des Tathāgatagarbha.
Durch das immer wiederholte Bewusstwerden dieser Verkettungen – sowohl der natürlichen als auch der konstruierten – im Sinne des paṭicca-samuppāda bleibt der anfängliche Pfad des Verständnisses lebendig und wird vertieft. So wird verhindert, dass die Konzepte falscher Philosophien den Geist berühren oder verwirren. Nur auf diese Weise erlangt ein Bodhisattva jene Schulungswege, die schließlich zu dem Glück bringenden zehn Formen der meditativen Versenkung, den zehn Samādhis, führen. Diese Einspitzigkeit des Geistes, gewonnen durch wiederholte meditative Vertiefung, mündet in Sammlung – in Samādhi.
Die zehn Samādhis der Mahāyāna-Tradition – deren Reihenfolge je nach Text variiert – beschreiben verschiedene Qualitäten reiner geistiger Sammlung und erscheinen symbolisch in Form kosmischer oder naturhafter Bilder:
1. Das Samādhi der Sonne (sūrya-samādhi):
Eine strahlende, durchdringende Klarheit, die alle Dunkelheit des Geistes vertreibt und die Natur der Dinge unmittelbar erhellt.
2.Das Samādhi des Mondes (candra-samādhi):
Eine sanfte, kühlende und friedvolle Sammlung, die den Geist beruhigt und inneren Frieden hervorbringt.
3.Das Samādhi der Sterne (nakṣatra-samādhi):
Eine Sammlung, die unzählige Einsichten hervorbringt, so vielfältig und geordnet wie die Sternbilder am nächtlichen Himmel.
4.Das Samādhi des Löwen (siṃha-samādhi):
Eine furchtlose und majestätische Sammlung, die Kraft, Mut und Unerschütterlichkeit verleiht.
5.Das Samādhi des Königs (rāja-samādhi):
Eine herrschende, umfassende Sammlung, die andere Formen der Sammlung ordnet, integriert und leitet.
6.Das Samādhi des Ozeans (sāgara-samādhi):
Eine tiefgründige, weite und grenzenlose Sammlung, ruhig in ihrer Oberfläche und unergründlich in ihrer Tiefe wie das Meer.
7.Das Samādhi des Berges (parvata-samādhi):
Eine unbewegliche, feste und vollkommen stabile Sammlung, die keinerlei Erschütterung mehr kennt.
8.Das Samādhi des Lotus (padma-samādhi):
Eine reine, aus der Welt heraus erblühende Sammlung, die wie ein Lotus unberührt von den Trübungen bleibt, obwohl sie inmitten der Welt existiert.
9.Das Samādhi des Indra-Netzes (indra-jāla-samādhi):
Eine Sammlung, die die wechselseitige Durchdringung aller Dinge erkennt, ähnlich dem Netz Indras, in dem jeder Knotenpunkt alle anderen widerspiegelt.
10.Das Samādhi der Illusion (māyā-samādhi):
Eine Sammlung, die die Erscheinungswelt als leer, vergänglich und täuschungsähnlich erkennt, ohne in Nihilismus zu fallen.
Diese Samādhis sind keine starren Stufen, sondern symbolische Ausdrucksformen bestimmter Qualitäten der meditativen Sammlung, die Bodhisattva kultivieren, um sowohl Weisheit (prajñā) als auch Mitgefühl (karuṇā) zu vertiefen. Je nach innerer Situation und je nach Auftreten subtiler meditativer Zeichen (nimitta) können unterschiedliche Samādhis hervortreten oder geübt werden. In der Theravāda-Tradition spricht man stattdessen eher von den vier Jhānas und weiteren Vertiefungen; die „zehn Samādhis“ gehören speziell zur Mahāyāna-Literatur, wie etwa zum Avataṃsaka-Sūtra. Übersetzungen variieren – manche sprechen von „zehn Arten der Sammlung“, andere von „zehn Versenkungen“ – doch der Kern bleibt derselbe: die Herausbildung eines reinen, stabilen und klaren Geistes, der das Erwachen trägt.
Aus diesem Verständnis der Verkettung – der khandhas, dhātus und āyatanas – und aus der Einsicht in die Qualitäten der einzelnen Samādhis, die jeweils Entsprechungen in den Aspekten der Buddhanatur besitzen, erkennt der Bodhisattva die Wahrheit der Lehre des Buddha, eine Wahrheit, die sogar über das gewöhnliche Verständnis der Gelübde hinausreicht. Und der Bodhisattva, der sich im meditativen Zustand äußerster Vertiefung befindet, tritt nicht in jenes Glück ein, das das Samādhi gewöhnlich suggeriert.
Der Meditierende – und das könnten auch wir selbst sein – befindet sich nun an der Grenze der Wirklichkeit und wendet an diesem Punkt die eingeübte Erkenntnis der sechs zentralen Vollkommenheiten (Pāramitās) an: die Lehre von der Leerheit (Śūnyatā), die Anwendung der geschickten Mittel (Upāya) sowie die Kultivierung von Mitgefühl (Karunā) und Weisheit (Prajñā)…
Mahāyāna | Theravāda | Erklärung |
Sechs Pāramitās (Dāna, Śīla, Kṣānti, Vīrya, Dhyāna, Prajñā) | Zehn Vollkommenheiten (Pāramī) im Theravāda | Theravāda kennt eine erweiterte Liste: Dāna (Freigebigkeit), Sīla (Ethik), Nekkhamma (Entsagung), Paññā (Weisheit), Viriya (Energie), Khanti (Geduld), Sacca (Wahrhaftigkeit), Adhiṭṭhāna (Entschlossenheit), Mettā (Liebe), Upekkhā (Gleichmut). |
Śūnyatā (Leerheit) | Anattā (Nicht-Selbst) & Suññatā (Leerheit) | Theravāda betont die drei Daseinsmerkmale (anicca, dukkha, anattā). „Suññatā“ wird ebenfalls verwendet, aber stärker im Sinn von „Leerheit von Selbst“. |
Upāya (geschickte Mittel) | Kusala-upāya (geschickte Mittel) in Kommentaren, sowie Skillful Means im Nikāya-Kontext | Theravāda kennt den Begriff nicht als zentrales Dogma, aber die Praxis der „geschickten Mittel“ findet sich in der Lehrweise des Buddha (z. B. abgestufte Belehrung, anupubbikathā). |
Karunā (Mitgefühl) | Brahmavihāras (Mettā, Karunā, Muditā, Upekkhā) | Theravāda betont die vier „Göttlichen Verweilungen“ als zentrale Meditationsfelder. Karunā ist hier klar verankert. |
Prajñā (Weisheit) | Paññā (Weisheit) | Im Theravāda ist Weisheit die direkte Einsicht in die drei Daseinsmerkmale und das abhängige Entstehen (paṭiccasamuppāda). |
…Im Theravāda wären es die zehn Vollkommenheiten (Pāramī), das Verständnis der drei Daseinsmerkmale (Tilakkhana), die kusala-upāya (geschickten Mittel), ebenso die Brahmavihāras und die Paññā (Weisheit), durch welche die spirituelle Genealogie der edlen Familie der Tathāgatas erkannt wird – jener Wissenskörper, der als Buddhanatur bekannt ist.
Alle, die die absolute Wahrheit suchen, müssen über das Wirken der Samādhis hinausgehen, um die Reinigung des Tathāgatagarbha zu erlangen, der als Speicherbewusstsein – nāma – bekannt ist. Wenn wir also sagen würden, der Geist selbst hätte das Gebilde des Tathāgatagarbha nicht angenommen – hätte also nicht jene Struktur angenommen, die das Wissen repräsentiert –, dann wäre weder ein Entstehen von Strukturen sichtbar, noch – im Umkehrschluss – ein Vergehen einer äußeren Welt, einer äußeren Struktur oder eines äußeren rūpa.
Denn das nāma ist unbefleckt. Es trägt keine rūpa-Struktur; es enthält zwar Informationen, ist jedoch frei von jeder Befleckung und wird lediglich durch die sieben vorgelagerten Bewusstseinsschichten (siehe Tabelle) überdeckt, welche Anhaftung (taṇhā) und die Illusion eines Ich erzeugen.
Das Bewusstsein erzeugt somit sieben weitere Schichten, die zwei Arten von Aggregatzuständen hervorbringen: einen inneren und einen äußeren. Der innere Zustand ist das erzeugte, gewachsene und genährte Selbst – der upādānakkhandha-kāya. Der äußere Zustand ist der pañc’upādānakkhandha, der auf dem pañcakkhandha beruht. In diesem Sinn repräsentiert der pañcakkhandha alles – auch den Tathāgatagarbha.
Der Buddha erklärte im Saṃyutta Nikāya, im Khandha-Saṃyutta (SN 22), wiederholt, dass die fünf Daseinsgruppen (pañcakkhandhā) „alles“ darstellen, was wir als Welt erfahren. Besonders deutlich wird dies im Sabba Sutta (SN 22.48 / auch SN 35.23 „Das Ganze“):
Sabbaṃ, bhikkhave, rūpaṃ atītānāgatapaccuppannaṃ ajjhattaṃ vā bahiddhā vā oḷārikaṃ vā sukhumaṃ vā hīnaṃ vā paṇītaṃ vā yaṃ dūre santike vā, etaṃ vuccati rūpakkhandho. Sabbaṃ vedanā … sabbaṃ saññā … sabbaṃ saṅkhārā … sabbaṃ viññāṇaṃ … etaṃ vuccati viññāṇakkhandho.
Wo er sagt: „Alles, ihr Mönche, ist enthalten in den fünf Gruppen: Form, Gefühl, Wahrnehmung, Gestaltungen und Bewusstsein.“ Der Buddha lehrte, dass jedes Erleben – Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft, innen oder außen, grob oder fein – innerhalb dieser fünf Gruppen (pañcakkhandha) liegt..
Und der Buddha sagte im Lokantagamana Sutta (SN 12.44) im Saṃyutta Nikāya. Dort sagt der Buddha sinngemäß: „Wer die Welt als Welt erkannt hat, hat die Welt erkannt.“ Im Pali lautet der zentrale Satz:
“Yo ca kho, bhikkhave, lokassa lokadhammaṃ yathābhūtaṃ pajānāti, ayaṃ vuccati, bhikkhave, lokavidū.”
(„Wer, ihr Mönche, die Welt und die Gesetzmäßigkeiten der Welt der Wirklichkeit gemäß erkennt, der wird ‚Kenner der Welt‘ genannt.“)
Und der Buddha sagte in der (SN 12.44 Lokantagamana Sutta)
“Katamo ca, bhikkhave, loko? Cakkhu kho, bhikkhave, loko. Rūpā loko. Cakkhuviññāṇaṃ loko. Cakkhusamphasso loko. … Evaṃ kho, bhikkhave, loko.”
(„Und was, ihr Mönche, ist die Welt? Das Auge ist die Welt, Formen sind die Welt, das Augenbewusstsein ist die Welt, der Augenkontakt ist die Welt … So, ihr Mönche, ist die Welt.“)
Diese beiden Abschnitte zeigen deutlich, dass es sich um ein mehrschichtiges Bewusstseinsfeld handeln muss, das die fünf Aggregate (pañcakkhandha) hervorbringt – fünf „Haufen“, um es einfach auszudrücken. Wird nur ein Teil dieses Haufens vollständig erkannt, so wird der gesamte Haufen zugänglich. In diesem Fall ist der Haufen – Haufen = nāmagotta = Erde – unsere Erde mit der angrenzenden Sonne und den Planeten, beziehungsweise jenem Raum von etwa 900.000.000 km, soweit der Berg Meru reicht. Es handelt sich also um ein erzeugtes Konstrukt: Universum, Erde, Mensch. Dieses Konstrukt wurde über Jahrmillionen und unendliche Zyklen entstehender und vergehender Universen strukturiert, erkannt, benannt und schließlich im menschlichen Körper als interpretierendes Instrument verankert.
So wird es möglich, jede andere Welt zu erkennen, sobald auch nur ein Teil dieses Gefüges erkannt wurde. Ob gewöhnliche Erde oder Buddhaland – alles liegt im pañcakkhandha-Haufen des nāma verborgen und kann durch Übung und meditative Schulung erschlossen werden.
Online 5. Dezember 2025
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